Tuttlinger Hochschulmodell

Eine Region wird zum Campus

Der Landkreis Tuttlingen zählt landes- und bundesweit zu einer der wirtschaftsstärksten Regionen. In der Mehrzahl prägen kleine, mittelständische Betriebe die Industrielandschaft. Medizintechnik, Maschinen- und Anlagenbau, metallverarbeitende Industrie, feinmechanischer Gerätebau, Werkzeugmaschinenbau, Sensor- und Steuerungstechnik sowie Automatisierungs- und Fertigungstechnik bilden die Kernbranchen.

Der „Hochschulstandort Tuttlingen“ ist aus den Bedürfnissen gerade dieser Wirtschaftszweige entstanden: Um zukunfts- und konkurrenzfähig zu bleiben ist es erforderlich, qualifizierte Fach- und Führungskräfte zu gewinnen. Eine akademische Institution kann strukturellen Problemen entgegenwirken. Auf dieser Motivation basiert die Idee, eine Hochschuleinrichtung zu schaffen, die sich hinsichtlich Trägerschaft, Organisation und Lehre von bisherigen Hochschulen abhebt.

Historie

Bereits in den 1990er-Jahren steht die Idee einer technischen Hochschule in Tuttlingen im Raum. Im Rahmen des Programms „Hochschule 2012“ präsentierten die Verantwortlichen aus Tuttlingen ihre Ausbauvorschläge dem Wissenschaftsministerium. Das Programm „Hochschule 2012“ des Landes sieht bei hoher Nachfrage einen Ausbau von Studienplätzen vor.

Schon damals erklärten sich Tuttlinger Unternehmen bereit, einen Beitrag zur Gründung einer Hochschule am Standort zu leisten.  Daraus entstanden ist das sogenannte  „Tuttlinger Modell“, welches sich durch eine institutionalisierte Verbindung von Hochschule und Wirtschaft auszeichnet.

Am 18. Juli 2008 unterzeichneten Vertreter des Wissenschaftsministeriums, der Hochschule Furtwangen und des Fördervereins einen Kooperationsvertrag zur Gründung des Campus.

Hochschulcampus Tuttlingen schreitet deutschlandweit voran

Am Hochschulcampus Tuttlingen wird das Konzept der „Public Private Partnership (PPP)“ gelebt: Hier wird eine neue und in dieser Art bundesweit einmalige Form der Kooperation Hochschule/Wirtschaft/Staat vollzogen. Die Modellhaftigkeit der Ansätze bezieht sich auf die Trägerschaft, die Organisation und die Lehre.

Trägerschaft mit Modellcharakter

Am Hochschulcampus Tuttlingen wird der lange geforderte Schulterschluss zwischen Industrie und Staat in der Lehre umgesetzt. Drei Partner tragen gemeinsam die Kosten: Das Land Baden-Württemberg, der Hochschulcampus Tuttlingen Förderverein e. V. sowie Stadt und Landkreis Tuttlingen.

Organisation mit Modellcharakter

Die Industrie ist in die Konzeption und Durchführung der Studiengänge eingebunden. Dies ist in dieser Form deutschlandweit einmalig. So sind Industrievertreter in den Studiengangbeiräten vertreten
und bringen sich bei der Weiterentwicklung von Studiengängen ein. Auch bei der Berufung der Professoren sind die Industrievertreter involviert.

Ein Beispiel für die enge und partnerschaftliche Kooperation zwischen Hochschule und Industrie am Hochschulcampus Tuttlingen ist das Erarbeiten der Curricula der Studiengänge in Arbeitsgruppen
(Studiengangbeiräte). Diese setzten sich aus Mitgliedern der Hochschule und aus Unternehmensvertretern des Fördervereins zusammen. Dem übereinstimmenden Wunsch der Initiatoren aus der Industrie folgend sollten drei Merkmale das Studium in Tuttlingen kennzeichnen:

  • eine breite solide Grundlagenausbildung in Ingenieurwissenschaften
  • die Anleitung zum selbstständigen, eigenverantwortlichen Lernen
  • praxisnahes Lehren nach modernen Methoden

Lehre mit Modellcharakter

Das Konzept der "Public Private Partnership" bietet große Vorteile für die Lehre. Vom ersten bis zum letzten Semester beteiligt sich die Industrie in verschiedensten Formen aktiv:

Praktika finden nicht nur in den hochschuleigenen Laboren, sondern auch direkt in den Unternehmen statt. BetriebsbesichtigungenMentoring durch Fach- und Führungskräfte, Ringvorlesungen mit Experten der Industrie sowie Projektarbeiten sind Programm. Themenvorschläge für Wahlfächer kommen auch aus den Reihen der Industrie, um Forschungsschwerpunkte, Entwicklungsbedarfe oder Trends angemessen aufzugreifen. Vom ersten bis zum letzten Semester haben die Studierenden dadurch engen Kontakt zu den Unternehmen.

Der Hochschulcampus Tuttlingen als Forschungseinrichtung

Ein wesentliches Ziel des Hochschulcampus besteht darin, der regionalen Industrie geeignete qualifizierte Nachwuchskräfte im Ingenieurbereich zur Verfügung zu stellen. Neben der Lehre nimmt auch die Forschung eine tragende Rolle ein. Die Aktivitäten gehen, gemäß dem Auftrag einer Hochschule, in Richtung angewandte Forschung und Entwicklung.

Ein Meilenstein in Sachen Forschung stellt das Innovations- und Forschungs-Centrum (IFC) Tuttlingen der Hochschule Furtwangen dar, welches 2018 fertig gestellt sein soll. Das Leuchtturmprojekt setzt am Wachstumskern der Medizintechnik an. Es ergänzt die Hochschule Furtwangen und unterstützt Unternehmen in ihren Forschungstätigkeiten. Das Gebäude soll Raum zur Stärkung der Innovationsfähigkeit von kleineren und mittleren Unternehmen der Region sein. Die Geschäftsfelder des IFC sind Forschungs- und Entwicklungsprojekte (FuE), Gründungsaktivitäten, »Industry on Campus« sowie Netzwerk- und Weiterbildungen.

Ein starker Campus mit starken Partnern

Mehr als 100 Unternehmen, Stadt und Landkreis Tuttlingen gehören dem Hochschulcampus Tuttlingen Förderverein e.V. an.  Durch die Unterstützung von Staat und privaten Investoren ist ein moderner, leistungsfähiger Hochschulcampus möglich.

Der Förderverein besitzt Mitsprache- und Gestaltungsrechte bei der Ausübung der Lehre. Die Hochschule setzt dadurch eine besonders praxisnahe Ausbildung mit besten Zukunftschancen um.

Die Stadt Tuttlingen stellt alle Hochschulgebäude zur Verfügung. Die Umbaukosten des Hauptgebäudes belaufen sich auf über 10,5 Millionen Euro, die zu zwei Drittel von der Stadt und zu einem Dritteln vom Landkreis getragen werden. Zwei weitere Gebäude sind seit Oktober 2013 fertig saniert. Die Kosten von knapp 1,2 Millionen Euro trug der Förderverein.

Die Ausstattung des Hochschulcampus Tuttlingen und den Unterhalt des Gebäudes unterstützt der Förderverein mit 2,5 Millionen Euro jährlich. Diesen Beitrag leistet der Förderverein vertraglich bis 2029.