16.12.2025

Gitarre spielen neu gedacht

zu Aktuelles
Symbolbild: Prof. Dr. Norbert Schnell und Dr. Andreas Förster

Prof. Dr. Norbert Schnell (links) und Dr. Andreas Förster mit den „digitalen“ Gitarren

Doktorarbeit über digitale Musikinstrumente an der Hochschule Furtwangen

Nicht alle Menschen können Gitarre spielen. Schuld daran ist nicht immer fehlende Übung, sondern manchmal auch körperliche oder kognitive Barrieren. Andreas Förster hat sich mit diesem Problem in seiner Doktorarbeit beschäftigt, die an der Hochschule Furtwangen (HFU) betreut wurde. „Ich möchte allen Menschen die Möglichkeit geben Musik zu machen und kreativ zu werden. Klassische akustische Instrumente sind nicht barrierefrei“, berichtet Andreas Förster. Seinen Zivildienst absolvierte er an einer Förderschule für geistige Entwicklung. Förster studierte Sonderpädagogik und Musiklehramt, machte einen Master in Rehabilitationswissenschaften, schloss ein Zweitstudium in Musikdesign an der Musikhochschule Trossingen an und beschloss, das Thema inklusive Musikinstrumente in einer Dissertation weiter zu vertiefen.

„Ich habe bereits in einem früheren Projekt mit Andreas zusammengearbeitet, daher habe ich gerne die Betreuung seiner Doktorarbeit übernommen. Da hat sich eine enorm fruchtbare Zusammenarbeit entwickelt“, berichtet Prof. Dr. Norbert Schnell, der an der HFU die Kooperationen mit der Musikhochschule betreut.

Für seine Doktorarbeit sammelte Förster zunächst Informationen zum Umgang mit digitalen Musikinstrumenten in Förderschulen. „Ich habe Interviews mit Musiklehrkräften an Förderschulen geführt und außerdem an allen Förderschulen in zwölf Bundesländern eine Erhebung durchgeführt“. In den Gesprächen zeigte sich, dass Instrumente, die als assistive Technologien wahrgenommen werden, die also speziell für Menschen mit Behinderung designt sind, häufig abgelehnt werden. „Ich wollte deshalb von Anfang an partizipativ mit der Gruppe entwickeln und umsetzen“, erläutert Förster. Dafür hat er ein Jahr gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern an einer Schule für körperliche und motorische Entwicklung zusammengearbeitet und die Instrumente auf ihre Bedürfnisse angepasst. So entstand die „digitale Gitarre“. „Mein erster Prototyp war ein umgebauter Gitarrencontroller für eine Spielekonsole, der kam sehr gut an. Die Akkorde werden dabei über farbige Buttons ausgewählt, während die Töne über einen Touchslider ausgelöst werden. So lassen sich unterschiedliche Töne und Akkorde intuitiv spielen“, erläutert Andreas Förster.

Ungefähr die Hälfte der Schülerinnen und Schüler hatten komplexe Behinderungen und kommunizierten nonverbal, für diese wählte Andreas Förster einen anderen Ansatz. „Ich habe die Alltagsbewegungen der Schülerinnen und Schüler aufgegriffen. Zum Beispiel fuhr sich eine Schülerin immer mit der einen Hand über den Handrücken der anderen, dort habe ich dann einen Drucksensor aufgeklebt und diese Bewegung dann in Klang übersetzt. Beim gemeinsamen Musizieren wurde sehr deutlich, dass sie bewusst damit interagierte“, freut sich Förster.

Für seine außergewöhnliche wissenschaftliche Arbeit wurde Andreas Förster Anfang Dezember mit dem Sonderforschungspreis der Gips-Schüle-Stiftung geehrt. Nominiert hatte ihn Prof. Schnell: „Das Thema Inklusion betrifft jeden von uns und passt sehr gut zu den Forschungsthemen unserer Hochschule. Andreas ist ein toller Mensch mit breitaufgestellten Kenntnissen, der dem Thema den notwendigen wissenschaftlichen Tiefgang verleiht und dabei das Wichtigste nicht aus den Augen verliert: die Freude am gemeinsamen Musizieren!“ Die Dissertation entstand in einer Kooperation der TU Berlin und der Hochschule Furtwangen. 

Förster steckt inzwischen auch in den Vorbereitungen für weitere Projekte zu dem Thema. „Ich möchte die Ergebnisse so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen, daher arbeiten wir grade daran, die Gitarre zur Marktreife zu bringen. In einem zweiten Projekt möchten wir die individuellen Instrumente weiter ausbauen und ein modulares System gestalten“, berichtet Förster.

zum Seitenanfang springen