Wie informieren Sie sich morgens als Erstes?

Im Grunde war für mich die Faszination für Information, für Informiert-Sein, also auch für Wissen  schon immer da, aber die Faszination  lag von Anfang auch ganz stark darin, wie ich zu den Informationen und dem Wissen gelange. Deshalb interessiere ich mich für deren Formationen und Apparaturen und deshalb nutze ich kurz nach dem Aufstehen auch bereits »Medien«: Da ist zunächstfacebook, das ich überhaupt nicht zur Selbstpräsentation, zur Kommunikation  oder zur Zurschaustellung des Lebens  (und auch nicht zur Revolution  oder als ein Gedächtnis  – und schon gar nicht als ein Medium des Bekenntnisses oder des Bekenntniszwangs) nutze; ich habe die großen deutsch- und englischsprachigen Nachrichtendienste auf fb abonniert und gelange so morgens als Erstes an Informationen bzw. an für mich potentiell interessantes Wissen ­– dies im Übrigen aber auch über viele andere fb-Abos aus den Bereichen des Lebens, die mich angehen. Beim Frühstücklese ich dann, wenn nicht am Plaudern, selektiv Zeitung und höre Radio.

Welche Zeitungen oder Magazine haben Sie abonniert oder lesen Sie regelmäßig – als Print oder digital?

Seit 15 Jahren kommt jeden Donnerstag die ZEIT, die ich auch fast ganz im Verlauf einer Woche schaffe (interessens- und berufsbedingt zunächst ausführlich das Feuilleton); samstags gelegentlich NZZ und sonntags häufiger Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ; außerdem die fachlichen Zeitschriftenabonnements (z.B. Zeitschrift für Medienwissenschaft, journalist oder Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandeshttp://www.germanistenverband.de/), die regelmäßige Lektüre publizistischer und wissenschaftlicher Periodika (Merkur etwa, Neue Rundschau, Sinn und Form , Akzente  oder DVjs) ; daneben die privaten Leidenschaften (beispielsweise dogs)  und die kulturellen Vorlieben (DE:BUG , spex, intro, Texte zur Kunst, Du, monopol, Lettre International oder mare ) und Reportagen. Alles gedruckt, nie digital. 

Welche Nachrichtenseiten im Web sind Ihnen wichtig?

Zweifellos: ZEITonline, FAZonline, Süddeutscheonline, Spiegelonline. Unbedingt: tazonline. Auch im Visier: BILDonline. Und: perlentaucher. Sowie (akademisch): IASLonline .

Welche Bücher lesen Sie am liebsten?

Literatur .

Welches Buch hat Sie in der letzten Zeit am Meisten beeindruckt?

Leider kann ich keine kurze Antwort geben:

»Hoppe«  ist ein Roman, den Felicitas Hoppe (vermeintlich) über sich selbst zum Besten gibt. Als kleines Mädchen, so ist zu lesen, erträumt sie sich ein alternatives Dasein mit vier Geschwistern in einer deutschen Kleinstadt namens Hameln, in der es einmal einen Rattenfänger und Flötenspieler gegeben haben soll. Die fiktive Doppelexistenz geht sogar so weit, dass sie seit der Lektüre der »German Folk Tales« in der Schulbibliothek in Rattenkostümen auftritt, Briefe an die erfundenen Geschwister schreibt und aus all dem dann ihre literarischen Texte, ihren literarischen Erfindungsgeist schöpft (ihr Werk wird heute selbstverständlich längst im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar archiviert und für die Nachwelt aufgearbeitet). Diese Geschichte ist mit allerlei Zitatverknotungen durchwoben, mit »Wahrheit« und »echter« Authentizität bereichert, mit Intertexten, Motiven, Assoziationen, Identitäten, literarischen und »eigenen« Spuren geformt, und, selbstredend, meisterlich erzählt. Ein Vexierspiel  erträumter Gesichter. Ein beispielloses, selbstironisches, liebevolles, zärtlich »post-modernes« Alternativ-Leben, eine »Autobiographie« als, wie es der Literaturtheoretiker Paul de Man einmal genannt hat, »Maskenspiel«. Für sie hat Felicitas Hoppe den Georg Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt erhalten. Längst verdient – und vollends zu Recht.   

Daniel Kehlmann hat mit »Ruhm«  einen Künstlerroman geschrieben, der ganz nah an ihm selbst bleibt, aber dabei auch weit über seine Protagonisten hinausweist: Es ist die Schilderung der Lebens- und Sinnkrise(n) des Schreibens an sich, des Literaturbetriebs überdies und der Verwischung von Fiktion und Realität überhaupt. Leo Richter ist eine der vielen Figuren darin, jedoch die interessanteste, weil sie nicht nur an die Skurrilitäten, die Ecken und Kanten eines Alexander von Humboldt oder Carl Friedrich Gauß erinnert, die in Kehlmanns Weltbestseller »Die Vermessung der Welt« aus dem Jahr 2005 aufgetreten sind. Leo Richter ist zugleich Kehlmanns Alter Ego und der Verfasser von mindestens zwei der versammelten neun, miteinander eindrucksvoll verflochtenen Geschichten. Dabei ist Richters Dilemma, die Welt-Diskrepanz, das wichtigste Thema, das Kehlmann in Verbindung setzt mit der erzählerischen Entfaltung gegenwärtiger Kommunikationstechnologiekritik. Das Buch schöpft seinen Sinn aus dem Geist romantischer Selbstverdopplung und vermag zugleich den virtuellen Technik-Teufel des 21. Jahrhunderts an die Wand zu malen: Überall klingeln Mobiltelefone; es reißt aber auch ständig die Verbindung ab.

»Alice« hat Judith Hermann diesen Prosa-Band genannt, nicht ganz so vielsagend wie seine Vorgänger »Sommerhaus, später« und »Nichts als Gespenster«. Erstgenannter war 1998 eine literarische Sensation; zweitgenannter 2003 ein großer Erfolg. 2007 wurden ein Teil der Erzählungen Judith Hermanns von Martin Gypkens mit einem Episodenfilm ins Kino gebracht. »Alice« ist erneut ein Kompendium von Kurzgeschichten, die diesmal die zentrale, Titel gebende Figur und ihre Lebenswelt zusammenhält: Familie spielt für Alice eine Rolle, aber anders, als man auf den ersten Blick meinen mag; Alice’ Familie, will man darunter eine Reihe von Männern verstehen, die in deren bisherigen Leben eine oft ungenannte Aufgabe übernommen haben, stirbt; in jeder der Geschichten verstirbt ein Mann oder ist bereits verstorben, und so tragen diese Storys auch deren Namen. Alice’ Dasein scheint vom Tod begleitet, doch trotz dieses traurigen Befundes kommt sie zurecht, begegnet ihm sicher, (selbst-)bestimmt. Über ihr schwebt gleichsam Wehmut, Melancholie. Von dieser erzählt Hermann ungerührt, beiläufig, im Sound des fesselnd Schnörkellosen. »Alice« ist ein Dokument über die Poetisierung des Lebens, über Momente der Todeserfahrung und daher ein Lehrbuch des Umgangs mit Abschied geradezu in Schwerelosigkeit. Ein Zitat lautet: »Astronauten, dachte Alice, wir sind wie Astronauten, es gibt nirgends einen Halt.« 

»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«  von Christian Kracht nimmt seinen Ausgangspunkt von einer geschichtlichen Utopie, einem Gedankenexperiment: Hier ist Lenin nicht nach Russland gegangen, sondern hat im Schweizer Exil einen totalitären Sowjetstaat errichtet. Das liegt fast 100 Jahre zurück und seither herrscht Krieg. In der Erzählgegenwart kann keiner sich mehr an Frieden erinnern und entsprechend hat sich das geopolitische Prisma verändert. Von einem deutsch-englischen Faschistenbündnis ist die Rede, von einem Koreanisch-Minsker Reich, ein Hindustanisches kommt ferner vor, zudem das Großaustralische Imperium und der Großraum der Amexikaner. Afrika – dann doch einmal mehr Spielball der Mächte – ist zersplittert, wobei die sozialistische Schweiz in der Mitte eine Kolonie für den Soldatennachschub kontrolliert. Kracht lässt seinen Ich-Erzähler im Herzen der »neuen« Schweiz einen abweichlerischen Oberst jagen, der womöglich zwangsläufig ein polnischer Jude ist. Kaum überraschend handelt es sich bei Krachts Parteikommissär um einen jener afrikanischen Legionäre, die sich die sowjetische Schweiz zu Nutzen macht. Diese Hauptfigur findet einmal im Felshöhlensystem des »Réduit«, der Alpenfestung der Eidgenossenschaft, Höhlenmalereien, die Szenen der Schweizer Geschichte abbilden. Sie symbolisieren deren Urtümlichkeit und deuten – sinnreich – auf das archaisch »Fremde« im »Eigenen« hin.

 D.h.: Ich lese viel Gegenwartsliteratur. Vor kurzem ist vom Nachttisch ins Regal gewandert (sehr empfehlenswert): Ulf Erdmann Ziegler, »Nichts Weißes«.

Welches Buch ist Ihr all-time-favorite?

»The Impossibility of Being Kafka« lautet der Titel eines Essays der amerikanischen Erzählerin Cynthia Ozick – »Die Unmöglichkeit, Kafka zu sein«. Reiner Stach  hat diese programmatische Bestimmung »verblüffend« und »einleuchtend« genannt, da sie »unterschwellig jenes vertraute Porträt eines neurotischen, hypochondrischen, skrupulösen, in jeder Beziehung schwierigen und empfindlichen Menschen heraufbeschwört, der ewig um sich selbst kreist und dem schlechthin alles zum Problem wird.« Kafka und mit ihm seine Literatur, alle voran seine Romane, werden zum »paradigmatischen Fall einer weltfremden, sich selbst verzehrenden Innerlichkeit«. »Man muss sich klarmachen«, heißt es bei Stach, dass »privates und öffentliches Unglück« bei Kafka »nicht nur zeitlich zusammentrafen, sondern dass sie auch in dieselbe Kerbe, dieselbe Wunde schlugen. Denn beides waren Katastrophen, die kostbare menschliche Verbindungen kappten und ihn in einem Augenblick der Hoffnung auf sich selbst zurückwarfen: Katastrophen der Einsamkeit.« – Auf Kafka baut die Literatur der Moderne; sein Werk ist zeit-los, gerade weil es »unmöglich« und gleichzeitig »symptomatisch« erscheint. In einem seiner kleinen, im Oktavheft H  überlieferten Texte heißt es: »Alles fügte sich ihm zum Bau. Fremde Arbeiter brachten die Marmorsteine zubehauen und zueinandergehörig. Nach den abmessenden Bewegungen seiner Finger hoben sich die Steine und verschoben sich. Kein Bau entstand jemals so leicht wie dieser Tempel oder vielmehr dieser Tempel entstand nach wahrer Tempelart.« Ein solcher »Tempel« ist Kafkas Werk für die einen, ein mithin nahtlos verfugter »Bau« für die anderen, den zu betreten manch einem (ganz so wie dem Mann vom Lande in der berühmten »Türhüterlegende«) nicht möglich ist, obwohl doch dessen Tür die ganze Zeit offensteht.

Also: Einfach Kafka.

Welche Radio- oder TV-Sendung verpassen Sie möglichst nie? 

Zu Hause läuft fast immer Hörfunk, im Auto sowieso (in der Regel 1Live und/oder DLF ; sehr gerne höre ich Büchermarkt  undKlubbing. Ich bin ein TV-Junkie und schaue beinah alles: Fernsehfilme Fernsehserien  (insbesondere Sitcoms), Zeichentrick,  Reportagen Dokumentationen,  Fernsehshows  (KEINE Quizsendungen!), Talkshows, Comedyformate – bevorzugt auch: Hollywoodblockbuster, viel Mainstream  und Trash respektive »Populärkulturelles«. Immer mehr nutze ich aus Zeitgründen und zur Auswahl die Online-Mediatheken der einzelnen Sender. (Digitale) Programmalternativen wie ZDFneo  oder ZDFkultur  sind wichtig und gut und werden von mir intensiv geklickt. Sendungen, die ich mag: druckfrisch, TV NOIR, ON STAGE, aspekte, KRÖMER  oder Roche & Böhmermann. Früher zwanghaft: Harald Schmidt. Abgesehen davon: Wach zu bleiben, nachts auf der A3, geht kaum besser, wenn Jürgen Domian angerufen wird. Selbstverständlich niemals verpasst wird der Tatort. Und um 20 Uhr läuft die Tagesschau.

Welche Tools oder Apps helfen Ihnen dabei den Tag über gut informiert zu bleiben?

Wenig spektakulär: Für die Nachrichten Tagesschau App und Spiegel App. Zur AV-Recherche/-Rezeption YouTube App.

Welche wöchentliche Mediennutzungs- oder Leserituale prägen zudem Ihr Wochenende?

Ich schreibe.

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