Die List der Systeme – Wie Spotify unsere Stimmung verkauft.

Studium Generale Vortrag am Campus Furtwangen

Unsere Lebenswelt und unser Alltag werden zunehmend von umfassenden technischen Ensembles durchdrungen, unsere Handlungen zunehmend im Medium der Technik verwirklicht. Unser grundlegender Handlungskontext ist die Technosphäre. Nahezu jede Handlung hinterlässt inzwischen digitale Spuren, erzeugt digitale Reaktionen und wird weitreichend von technischen Systemen ermöglicht und begrenzt: Smart Everything, Internet of Things, Ubiquitous Computing, Cyberphysical Systems etc. sind Labels, unter denen Teile dieser Entwicklung verbreitet gefasst werden. Maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz, Digitalisierung, die Ausweitung der Systeme führen zu neuartigen Mensch-Technik-Verhältnissen, in denen der Mensch nicht mehr der autonome geschickte Techniknutzer ist, sondern bestenfalls hoffen kann, sich zum Dirigenten eines Orchesters von (teil-)autonomen Systemen aufzuschwingen.

In dieser Entwicklung liegen große Chancen, aber auch die enorme Herausforderung – für viele auch Zumutung oder Überforderung – Dirigent sein zu müssen. Dies ist eine Frage von Bildung, Governance und Beteiligung, doch dem Erfolg steht einiges im Wege: darunter die List der Systeme. Mit einer List (die Ursprungsbedeutung von Maschine!) wird die Verfolgung eins Ziels vorgetäuscht, während tatsächlich verdeckt ein anderes Ziel verwirklicht wird. So meinen wir im alltäglichen Umgang mit verschiedenen Systemen der Technosphäre unsere Ziele mit technischer Unterstützung zu verfolgen – beispielsweise uns mit Filmen oder Musik über Streamingdienste zu unterhalten. Die List zwingt diese Ziele aber in die Rolle von Mitteln für andere verdeckte Ziele – im Beispiel die intimste, lückenlose, minutiöse Erfassung von Neigung, Stimmung, Alter, Mentalität, Tagesablauf etc. der Streamingkunden. Das Problem: Wer vermeint, als Dirigent seiner Welt auf Zuruf – Alexa! OK Google! Siri! – den Takt vorzugeben, dabei aber tatsächlich eher dem Datenschwingen einer Seite eines Instrumentes des Orchesters unter ganz anderer Dirigentschaft gleicht, der unterliegt einer fundamentalen Täuschung seiner Weltverhältnisse. Die Listigen werden überlistet.  

Der Vortrag spannt den Bogen von aktuell einschlägigen technikphilosophischen und handlungstheoretischen Grundlagen zu heutigen und im Entstehen befindlichen Alltagstechnologien, präsentiert die Idee einer List der Systeme in Anlehnung an G.W.F. Hegels Gedanken von der List der Vernunft und stellt ethische wie gesellschaftliche Konsequenzen sowie konkrete Handlungsoptionen zur Diskussion.
 
Zur Person:

Bruno Gransche ist seit 2017 als Philosoph am Institute of Advanced Studies (FoKoS) der Universität Siegen tätig. Er forscht und lehrt zur „Philosophie neuer Mensch-Technik-Relationen“ mit den Schwerpunkten Technikphilosophie/Ethik, Zukunftsdenken, soziotechnische Kulturtechniken sowie Digitalisierung und ist Berater, Gutachter und Vortragsredner zu diesen Themen. Gransche ist Fellow am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe, wo er bis 2016 als Philosoph und Zukunftsforscher (Foresight) arbeitete.

  • Datum
  • - Uhr
  • Veranstaltungsort
  • I 0.17
  • Campus Furtwangen