25.09.2026

Von Sprichwörtern und Herausforderungen

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Soheil Pilehvar sitzt im Labor auf einem Bürostuhl

Soheil Pilehvar ist immer auf der Suche nach Herausforderungen. Im Projekt Brust-Gewebemarker hat er ein neues Material aus seinem Fachgebiet Polymere entwickelt.

HFU Doc Stories: Soheil Pilehvar forscht an der Hochschule Furtwangen an neuen Materialien

Wie erfindet man eigentlich ein neues Material? Besucht man Doktorand Soheil Pilehvar am Institut für Werkstoffe und Anwendungstechnik (IWAT) der Hochschule Furtwangen in Tuttlingen, wird schnell klar: Mit Disziplin. Geduld. Und einem Blick fürs Interdisziplinäre.

Pilehvar forscht unter anderem im Projekt Brust-Gewebemarker. Dabei geht es darum, ein Material zu (er)finden, mit dem bei Brustkrebspatientinnen die Lage eines Tumors langfristig so gekennzeichnet werden kann, dass dieser bei Untersuchungen per Ultraschall, zum Beispiel bei einem chirurgischen Eingriff, besonders leicht gefunden werden kann. Ein millimetergroßes Teilchen könnte die bislang eingesetzte, schmerzhafte Methode eines eingeführten Drahts überflüssig machen. Die Anforderungen an ein solches Material sind komplex und vielfältig – ebenso wie der Weg, ebendieses zu finden. 

Soheil Pilehvar sagt von sich selbst, dass er ein echter Polymer-Fan ist. Polymere sind Kunststoffe, die aus sehr vielen miteinander verknüpften Bausteinen bestehen – entsprechend viele Varianten sind denkbar, genau wie verschiedene Verfahrensarten, um die Materialien herzustellen. Seine Promotion in diesem Fachgebiet läuft als Kooperation zwischen der HFU und dem Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) der Technischen Fakultät der Universität Freiburg. Davor hatte Pilehvar zunächst im Iran einen Bachelor als Polymer Engineer, danach einen Master für Polymer Komposit Materialien gemacht. „Auch wenn es komisch klingt, Polymere sind mein Hobby“, sagt er und berichtet von vielen, vielen Stunden, die er mit der Onlinerecherche nach neuen Fachartikeln und neuen Ideen verbringt. Durch die vielen Dienstreisen, die seine Arbeit als Research Engineer für eine große iranische Holding mit sich brachte, gewann Soheil Pilehvar Eindrücke in die Forschung und Entwicklungsarbeit in China und auch in Europa. Besonders Deutschland interessierte ihn. Seine Leidenschaft für Recherche war es auch, die ihn auf Prof. Dr. Hadi Mozaffari Jovein stoßen ließ – der renommierte Experte für Materialwissenschaften leitet das IWAT und ist international für seine Forschung in diesem Fachgebiet bekannt. Es sollte fünf Jahre dauern, die Pilehvar zunächst in Berlin verbrachte, bevor sich eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit bot. „Ehrlicherweise musste ich schon überlegen, ob ich von Berlin wegziehe und nach Tuttlingen komme“, sagt Pilehvar offen und schiebt nach: „Aber ich liebe nun mal Herausforderungen.“ Er wagte den Schritt, und ein halbes Jahr später zog auch seine Frau in die Donaustadt. Inzwischen fühlt sich das iranische Paar sehr heimisch und genießt zum Beispiel den Kontakt zu den vielen deutschen Nachbarn. „Und seit zwei Jahren haben wir einen neuen Chef“, lacht Pilehvar und meint seinen kleinen Sohn, nach dem sich nun viel richtet. 

Eines der deutschen Sprichwörter, die Soheil Pilehvar in Deutschland lernte, war die putzige Umschreibung von Multitasking, nämlich „auf mehreren Hochzeiten tanzen“. Gemeint war, dass es wichtig ist, sich am besten in mehreren Forschungsprojekten einzubringen. Kein Problem für den 38-Jährigen. Neben dem Projekt Brust-Gewebemarker entwickelt er an der HFU Implantate für die Bandscheibe und das Becken – sie sind das Thema seiner Doktorarbeit. Eine laufende Promotion, eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gründer eines eigenen Start-Ups für Nanofasern, Familienvater – Soheil Pilehvar hat viele Rollen, und dennoch scheint nichts zu viel zu sein. „Ich bin das gewohnt“, sagt er lachend, in seinem Heimatland Iran sei es ganz normal, sich nicht nur auf eine Sache zu konzentrieren. „Tiefgreifende wissenschaftliche Arbeit ist wichtig. Aber wir dürfen auch die Geschwindigkeit nicht außer Acht lassen. Niemand in der Welt wartet auf uns, die Konkurrenz ist enorm.“ Also setzte Soheil Pilehvar auch im Projekt Brust-Gewebemarker alles daran, schnell zur praktischen Anwendung und zum Testen verschiedener Materialien und Verfahren zu kommen. „Es kann sein, dass man ein perfektes Material hat, aber das falsche Verfahren. Oder andersherum“, sagt er. Sein Leitsatz laute deshalb: „Where the soul of materials meets the rhythm of process, innovation finds its voice“ (im Deutschen: “Wo die Seele der Materialien auf den Rhythmus der Prozesse trifft, findet Innovation ihre Stimme“). Allerdings sei die Suche nach einem Werkstoff ausdrücklich kein „Trial and Error“, so Pilehvar: „Auch ein falsches Ergebnis ist ein Ergebnis, das uns weiterbringt“. Diese Erkenntnis ist für ihn sein Motto für Erfolg.

Die vielen Versuchsreihen und unzähligen Testkombinationen hat das Projektteam in einer riesigen Matrix zusammengefasst. Den Durchbruch brachte nun aber ein Material, das in der Welt der Medizintechnik eher ungewöhnlich ist und aus der Luft- und Raumfahrt kommt: Die Einbindung von mikroskopisch kleinen Glaskügelchen in ein Polymer, das additiv, also mit dem 3D Drucker, hergestellt werden kann. 

Zusammen mit Prof. Dr. Hadi Mozaffari Jovein und seinem Kollegen Rashid Heidari hat Pilehvar dazu mehrere Fachartikel veröffentlicht. Die Ergebnisse werden in einem nächsten Schritt in der klinischen Anwendung getestet. Die weitere Entwicklung wird Pilehvar dann wohl nur noch aus der Ferne mitverfolgen können: Nach Abschluss des Projekts und auch seiner Promotion in den kommenden Monaten wird er sich nach neuen Herausforderungen umsehen. „Mein Plan wäre, selbstständig mein StartUp weiter voran zu bringen, aber vielleicht auch weiter in der Forschung tätig zu sein“, sagt er – „aber wie immer: Hauptsache, es ist eine Herausforderung!“

 

HFU Doc Stories
Die neue Serie rückt den wissenschaftlichen Nachwuchs an der Hochschule Furtwangen in den Fokus. Über 80 Promovierende arbeiten an der HFU an hochspannenden Forschungsprojekten und an ihrer Dissertation. Mit den HFU Doc Stories begleiten wir sie dabei.

 

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