Mit seinem Ausscheiden aus dem Rektorat übergibt Martin Aichele die Rolle des sechsten Rektoratsmitglieds an Professorin Dr. Katja Gutsche, die künftig als „Chief Innovation & Relationship Officer“ eng mit Rektorin Dr. Alexandra Bormann (Mitte) und den anderen Mitgliedern der Hochschulleitung zusammenarbeiten wird. Bilder unten: Lehre in den frühen 90er Jahren und heute – Martin Aichele hat an der HFU 36 Jahre lang den Bereich Medien mitgeprägt.
Hauptsache kreativ: Nach 36 Jahren an der Hochschule Furtwangen wird Professor Martin Aichele in den Ruhestand verabschiedet
Am Anfang, so erinnert sich Professor Martin Aichele lebhaft an seinen Start an der HFU, da roch es überall nach Maschinenöl. „Professoren waren Ingenieure. Sie trugen weiße Kittel und Krawatten.“ 1990. E-Mails gab es an der Hochschule noch keine. Medienstudiengänge erst recht nicht. Und dann kam er: 30 Jahre jung und für den Aufbau des Studios für die brandneue Medieninformatik zuständig. Einer der ersten Professoren aus der aufstrebenden und neuen Medienbranche. Der erste mit Handy an der HFU. Der erste, der mit Studierenden nach Amerika flog, um ein Filmprojekt umzusetzen. Doch der Reihe nach.
An der Hochschule Furtwangen (HFU) geht eine Ära zu Ende: Prof. Martin Aichele wird zum 1. September in den Ruhestand verabschiedet. 36 Jahre lang wirkte er an der HFU, prägte den Medienbereich der Hochschule. Er war langjähriger Dekan der Fakultät Digitale Medien und in den vergangenen beiden Jahren als „Chief Marketing Officer“ auch Mitglied des Rektorats.
36 Jahre HFU sind 36 Jahre voller Geschichten und Erlebnisse, denen man kaum gerecht werden kann. Aus beinahe jeder Generation Studierender weiß Aichele Anekdoten zu berichten, erinnert sich an herausragende Talente, an inspirierende Projekte. Die liebste Erinnerung ist ihm ein Studierendenprojekt, das es schaffte, seine Leidenschaft für Bewegtbild mit seinem zweiten Herzensthema zu verknüpfen: Martin Aichele ist Musiker mit Leib und Seele. Wer seit den 70ern in einer erfolgreichen Bluesband spielt, mit 33 Gitarren in einem Haus lebt und schon mit allen möglichen, auch internationalen Musikgrößen auf der Bühne stand, der kann Studierende auf besondere Weise inspirieren. „Ich habe mal als Student mit dem wunderbaren Eb Davis gespielt, und der wiederum brachte mich in Kontakt mit Sidney ‚Guitar Crusher‘ Selby. Was für eine beeindruckende Persönlichkeit – und eine unfassbar spannende Lebensgeschichte“, berichtet Aichele. Die Idee zu einer filmischen Biografie über den Bluesmusiker nahmen seine Studierenden begeistert auf – und reisten mit ihm bis in die Clubs von New York, um einen 90-minütigen Dokumentarfilm zu realisieren.
Auch für die heimische Industrie ist er tätig geworden: für Firmen wie REINER, ZIER und KOEPFER produzierte er mit Studierenden Imagefilme. Und die Bezwingung des Rheins durch den schwimmenden Professor Andreas Fath dokumentierte er in dem Film „1231 Kilometer“. Dafür kurvte er mit Studierenden in einem riesigen, zum Videostudio umgebauten Wohnmobil durch engste Straßen in den Schweizer Alpen. Kein Problem für ihn, der gerade seine LKW-Schein-Prüfung abgelegt hatte, um 40-Tonner für Hilfstransporte fahren zu können.
Bei Aichele selbst hatte sich die Liebe zum Film im Rahmen eines Studiums in Berlin entwickelt. Aufgewachsen in Freiburg-Kappel sei für ihn nach der Schule klar gewesen: „Ich muss hier mal weg!“ Er spezialisierte sich auf Bewegtbildproduktion und Marketing, die Berliner Hochschule der Künste und die Musikszene der Hauptstadt boten ihm alle Entfaltungsmöglichkeiten. „Das war eine Wahnsinnszeit“, schwärmt er heute. Nebenbei arbeitete er als Kameramann, war auch dabei sehr erfolgreich und lebte ein bisweilen bizarres Leben: Früh morgens mit dem Flugzeug zu einem Dreh fliegen, dann schnell wieder zurück und am nächsten Tag in die Vorlesung sitzen: „Habt Ihr mir mal einen Mitschrieb?“
Nach dem Studium wurde Aichele zunächst Leiter des Instituts für Audiovisuelle Kommunikation in St. Gallen. Doch dann ereilte ihn der Ruf der HFU: Man suchte jemanden für digitale Medienproduktion, ein ganz neuer Studienbereich sollte aufgebaut werden. „Das war unglaublich. Wir waren europaweit die Allerersten mit Medieninformatik, vielleicht sogar weltweit. Wir bekamen 600 Bewerbungen für unsere 36 Studienplätze, ein Numerus Clausus wie in Medizin!“, erinnert er sich. So unmodern die Details der damaligen Medien heute auch klingen – kein Internet, keine Mails, keine Mobiltelefone – so klar war schon damals: Die Zukunft der Medien liegt im Digitalen. „Meine erste Webadresse bekam ich aber erst 1995 in den USA“, sagt Aichele. Während eines Forschungssemesters erlebte er in San Francisco die ersten Umbrüche im Kommunikationsbereich, und bald waren diese auch in Deutschland und an der HFU zu spüren. „Ich kam mit meinem ersten Mobiltelefon zurück“, lacht er, „ich glaube, viele hielten das damals für etwas affektiert“. Allerdings sei es schon damals einfach praktisch gewesen, erreichbar zu sein – „davor haben mich abends zuhause immer drei Meter Fax erwartet“.
Allerdings zog es den Medienprofessor dann doch noch einmal in die Praxis: 1998 ließ er sich für fünf Jahre beurlauben, um in einer großen Agentur einzusteigen. Auch diese Zeit hat er als „ziemlich verrückt“, aber auch „wahnsinnig toll“ in Erinnerung – voller spektakulärer Aufträge für riesige Automobilmessen, für die er in der ganzen Welt herumreiste: Paris, Tokio, Detroit. Die Arbeit für Großkunden wie Volkswagen und Siemens beflügelte ihn, seine eigene Agentur „AicheleIdeas“ zu gründen.
Die größten Highlights waren für ihn der zweimalige Gewinn des Siegerkonzepts des deutschen Pavillons in Lissabon und Aichi gemeinsam mit Ausstellungsarchitekten. Hier realisierte er „Experience Design“ mit multimedialen Anwendungen und wurde in einen kleinen, exklusiven Beraterstab der EXPO2000 neben Kulturschaffenden wie Volker Schlöndorff berufen.
Nach fünf Jahren allerdings – auch, weil er mittlerweile sehr stolzer Vater eines Sohnes geworden war – kehrte Aichele zur Hochschule zurück, mit der er über Lehraufträge, die er irgendwie auch noch in seinem Terminkalender unterbrachte, in engem Kontakt geblieben war. Er kam zurück mit frischen Ideen und einem ausgeprägten Verständnis für crossmediale Anwendungen: So wurde der nächste und sofort sehr erfolgreiche Pionierstudiengang, Medienkonzeption, an der HFU angestoßen. Aichele mischte an der Fakultät kräftig mit: Als Studiendekan, als Prodekan für Lehre und schließlich in vier Amtszeiten als Dekan. „Und dann hat mich die neue Rektorin angerufen und mich gefragt, ob ich als Teil des Rektorats den Bereich Marketing der HFU verantworten möchte“, so Aichele. Mit einem neuen Konzept für die Abteilungen Kommunikation und Marketing habe er sich oft an seine Agenturzeit erinnert, berichtet er. Und das habe sich richtig gut angefühlt.
Die Hochschule hinter sich zu lassen, an diesen Gedanken musste er sich doch erst einmal gewöhnen. Die Aussicht auf mehr Zeit kommt ihm aber sehr gelegen – mit seiner Band „BLOSSBLUEZ“ stehen diverse Gigs und Konzerte an, und die Ideen gehen dem kreativen Kopf sicher nicht aus. Ruhestand? Martin Aichele lacht und wird doch nachdenklich: „Von der Grundschule bis heute, 60 Jahre, war ich immer einem Takt unterworfen. Die Musik wird mir helfen, in der neuen Lebensphase einen guten Rhythmus zu finden. Und da geht noch mehr: Consulting und Coaching, aber auch Ehrenamt. Und Windsurfen, Radeln, Fotografie und Schach…“
Profs im Portrait:
In dieser Serie stellen wir die renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die an der Hochschule Furtwangen lehren und forschen. Die HFU ist eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften; deshalb verfügen Professorinnen und Professoren über langjährige Erfahrung aus der Praxis. Die spannenden Lebens- und Berufsgeschichten stellen wir in loser Reihenfolge vor.