Prof. Dr. Gerald Ackner ist begeistert vom Themenfeld Mensch-Maschine Interaktion – und von innovativer Lehre.
Profs im Porträt: Prof. Dr. Gerald Ackner lehrt Angewandte Kognitionspsychologie an der Hochschule Furtwangen
Was steht auf dem Schreibtisch eines Psychologen? Natürlich, gleich mehrere Modellgehirne. Sie sind die passende Kulisse für ein Gespräch mit Prof. Dr. Gerald Ackner. Als Professor in den Studiengängen Ingenieurpsychologie und Human Factors der Hochschule Furtwangen (HFU) dreht sich seine Arbeit um den Menschen – um Wahrnehmung, Entscheidungen und um die Frage, wie Menschen mit Technik interagieren.
Ackners Weg zu seinem Fachgebiet verlief alles andere als geradlinig. „Ich habe einen ziemlich schrägen Lebenslauf“, lacht er. Genau davon erzählt er auch gerne seinen Studierenden: Viele hätten Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen oder Umwege zu gehen. Sein eigener Werdegang zeige aber, dass kein Plan manchmal der beste sei. Dass er einmal Professor werden würde, hatte der gebürtige Berliner jedenfalls nie vorgesehen.
Nach der Schule war Gerald Ackner nämlich zunächst von einem anderen wissenschaftlichen Gebiet begeistert: der Geophysik. In einem Studium wollte er mehr über Vulkane und Tektonik lernen – musste aber schnell feststellen, dass er der höheren Mathematik und theoretischen Physik nicht wirklich gewachsen war. „Alle anderen waren beeindruckend gut“, erinnert er sich und sagt gut gelaunt: „Und ich bin erstmal krachend gescheitert.“
Also machte er sich auf den Weg zu Plan B und zum Berufsinformationszentrum des Arbeitsamtes. Eine Beratung brauchte es jedoch gar nicht – denn schon im Vorraum fand Ackner ausliegende Broschüren, darunter auch einen Flyer der Lufthansa. Aushilfs-Flugbegleiterinnen und -Flugbegleiter für die Langstrecke wurden gesucht. Unbekümmert bewarb er sich – und flog in den folgenden zwei Jahren kreuz und quer um den Globus. Besonders in Erinnerung blieben ihm Mumbai, San Francisco und Kyoto. Vor allem aber waren es die Begegnungen mit Menschen, die ihn begeisterten. Auf langen Nachtflügen kam er mit Passagieren ins Gespräch, fragte nach ihren Berufen, Lebenswegen und danach, ob sie mit ihrer Arbeit glücklich waren. „Das war wohl meine erste Querschnitts-Interviewstudie“, sagt Ackner rückblickend.
Der Zufall wollte es, dass der neugierige Flugbegleiter auffällig vielen Psychologinnen und Psychologen begegnete. „Die waren häufig extrem zufrieden mit ihrem Beruf, und ich habe gemerkt, wie unglaublich vielfältig der Einsatzbereich bei Psychologie ist“, sagt Ackner. Der Weg zum Studium glückte über ein Nachrückverfahren, in welchem die Universität Würzburg seinen Namen zog und ihm den Einstieg in das Psychologiestudium ermöglichte.
Dort fand er schnell seine erste wissenschaftliche Heimat in der Sozialpsychologie. Ihn interessierte, warum Menschen Situationen unterschiedlich wahrnehmen und wie andere Menschen unser Verhalten beeinflussen. Bereits im ersten Semester suchte er den Kontakt zur Forschung und arbeitete als studentische Hilfskraft.
Ein weiterer Zufall führte ihn schließlich zu seinem heutigen Herzensthema. „Ich wohnte mit einem Freund in einer WG, und der arbeitete am Institut für Verkehrspsychologie“, erinnert sich Ackner. „Dauernd hat er mir erzählt, wie spannend das ist und wie gut das zu mir passen würde. Eigentlich habe ich mich nur dort gemeldet, damit mein Mitbewohner aufhört zu nerven – durch seine Erzählungen war ich aber schon sehr neugierig.“ Es sollte die entscheidende Weichenstellung werden. In Forschungsprojekten beschäftigte sich Ackner fortan mit dem Zusammenspiel von Mensch und Technik: mit Fahrassistenzsystemen, mit Prototypen auf Teststrecken und mit der Frage, wie technische Systeme auch in kritischen Situationen für Menschen beherrschbar bleiben. Dabei entdeckte er auch seine alte Begeisterung für Physik neu. Die mathematischen und technischen Grundlagen wurden zum verständlichen Werkzeug, um konkrete Probleme zu lösen.
Nach dem Studium blieb Ackner zunächst an der Uni Würzburg und arbeitete ein Jahr lang in der Forschung. „Zahlen schrubben“, sagt er in Erinnerung an die umfangreiche Statistik-Arbeit. Gleichzeitig suchte er nach einer Möglichkeit zur Promotion – und fand sie in Zusammenarbeit mit Opel/General Motors. Eine Industriepromotion erschien ihm besonders reizvoll: näher an der Anwendung, näher an konkreten Fragestellungen der Praxis.
Als erster Psychologe promovierte Ackner bei Opel zu einem Thema, das ihn bis heute beschäftigt: der Interaktion von Mensch und Technik. Gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen, unter anderem aus den USA und Israel, untersuchte er, wie Menschen Gefahren wahrnehmen und wie unterschiedliche Warnsignale ihre Reaktionen beeinflussen. Mithilfe von Fahrsimulatoren untersuchte Ackner fehlgeleitete Aufmerksamkeit und die Frage, wie technische Systeme Menschen besser unterstützen können. Seine Forschungsergebnisse flossen direkt in die Entwicklung sichererer Lösungen ein. Auch nach seiner Promotion blieb Ackner Opel verbunden - zwölf Jahre lang arbeitete er dort insgesamt an Themen rund um Mensch, Fahrzeug und Sicherheit.
Dann lockte Gerald Ackner die Chance, seine Expertise aus Forschung und Industrie in einer Hochschule für angewandte Wissenschaften einzubringen: die Hochschule Furtwangen suchte Lehrende für den Aufbau des Studiengangs Ingenieurpsychologie. Und so gestaltete er als Professor ab 2018 diesen Weg von Beginn an mit. Seither ist er der Überzeugung: „Das ist der beste Job der Welt. Ich liebe jeden Tag mit den Studis!“.
Besonders wichtig ist Gerald Ackner der Praxisbezug – hier könne die HFU ihre Stärke ausspielen. Um seine eigenen Praxiserfahrungen aktuell zu halten, hat Ackner während eines Praxissemesters die Professorenrolle kurzzeitig abgelegt und arbeitete stattdessen in einem Projekt. „Eine tolle Erfahrung, auch mal wieder aus der Rolle des Beurteilenden herauszutreten“. Die neu gewonnenen Impulse brachte er anschließend direkt in seinen Unterricht ein. Gute Lehre versteht Gerald Ackner als Auftrag – für ihn bedeute das, ein hohes fachliches Niveau zu vermitteln und gleichzeitig immer wieder zu zeigen, wofür Wissen gebraucht werde, erklärt er.
Diese Überzeugung bringt er auch in sein Amt als Prodekan für innovative Lehrmethoden in der Fakultät II: Engineering & Technologies ein und beschäftigt sich damit, wie Lernen an Hochschulen künftig aussehen kann. Entscheidend ist für ihn dabei, dass Lehrende und Lernende sich als Gemeinschaft erleben, „als Menschen, die gemeinsam auf der Suche nach Wissen sind“. Und dabei ihre persönlichen Wege finden. Ob mit oder ohne Plan.
Profs im Portrait:
In dieser Serie stellen wir die renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die an der Hochschule Furtwangen lehren und forschen. Die HFU ist eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften; deshalb verfügen Professorinnen und Professoren über langjährige Erfahrung aus der Praxis. Die spannenden Lebens- und Berufsgeschichten stellen wir in loser Reihenfolge vor.