16.06.2026

„Orchideenfall“ mit Wachstumskraft

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Prof. Dr. Thomas Schlegel leitet an der Hochschule Furtwangen das Institut für Intelligente Interaktive Ubiquitäre Systeme (IIIUS). Bild: Hochschule Furtwangen

Ein Promotionsrecht, besondere Labore und ein Händchen für seltene Themen – Prof. Dr. Thomas Schlegel leitet an der Hochschule Furtwangen das Institut „IIIUS“

Wäre er nicht Informatiker, hätte er wohl als Gärtner beste Chancen: Wo Prof. Dr. Thomas Schlegel hinfasst, wachsen Dinge – Institute, Studienrichtungen, Teams und beinahe unzählige Forschungsprojekte. An der Hochschule Furtwangen (HFU) leitet Schlegel das Institut für Intelligente Interaktive Ubiquitäre Systeme (IIIUS) und bringt ein Spezialgebiet mit, in dem es nicht viele ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt: das Zusammenspiel von IT, Systemen und Menschen. „Ich habe offenbar ein Talent dafür, Strukturen aufzubauen“, sagt er schmunzelnd. Dass er dabei immer die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer mitdenkt, zieht sich wie ein roter Faden durch seinen Werdegang.

Begonnen hat dieser Weg mit einem Studium der Softwaretechnik an der Universität Stuttgart, das er als Diplom-Informatiker abschloss. Es folgte der Einstieg in die angewandte Forschung an einem Fraunhofer-Institut – und parallel dazu die Promotion, die er unbedingt machen wollte. „Im Nachhinein muss ich sagen: Es wird herausfordernd, wenn man bei Fraunhofer die wissenschaftliche Karriere anfängt. Für die Promotion bleiben dann vor allem Abende und Wochenenden“, erzählt er. Inhaltlich arbeitete er an Laufzeitmodellierung in verteilten Systemen: an Firmenstrukturen und Zulieferketten, in denen Akteure auf unterschiedlichen Wissensständen zusammenarbeiten. Er untersuchte, wie Prozesse aufgespalten und dezentral ausgeführt werden können, welche Infrastruktur dafür nötig ist und wie sich Fertigungsprozesse im laufenden Betrieb umstellen lassen, ohne Abläufe zu unterbrechen. Schlegel gründete außerdem ein Startup, das Unternehmen – wie er sagt – „hochgeschossen“ hat: von Papierformularen hin zu vollständig digitalen Abläufen, vom Laufzettel zu Tablet und Smartwatch. „Da habe ich viel darüber gelernt, wie Digitalisierung in realen Organisationen funktioniert – oder manchmal eben auch nicht“, sagt er.

Nach der mit Auszeichnung abgeschlossenen Promotion wechselte Thomas Schlegel an die Universität zurück, zum größten Visualisierungsinstitut Deutschlands, wo eine Teamleitung für interaktive Systeme gesucht wurde – genau im Spannungsfeld zwischen Informatik und Mensch, das ihn bis heute prägt. Er baute dort zahlreiche Projekte auf, arbeitete als Postdoc und Teamleiter und wechselte anschließend auf eine Juniorprofessur an die Technische Universität Dresden. Den Schritt nach Sachsen überlegte er sich gut, „das war ja nicht gerade um die Ecke“, doch seine Frau zog ihm nach; in Dresden wurden auch die beiden Kinder geboren. Fachlich konnte er dort die Vertiefungsrichtung Software Engineering Ubiquitärer Systeme in der Medieninformatik aufbauen, die schnell wuchs. „Ich habe damals Mitarbeitende aus Baden-Württemberg mitgenommen, weil die Zusammenarbeit so gut funktionierte“, erinnert er sich. Nach rund drei Jahren leitete er bereits ein Team von etwa 20 Mitarbeitenden und ebensovielen studentischen Hilfskräften. Nach vier Jahren hatte er die Habilitationsäquivalenz erreicht – und gehört damit zu den wenigen Personen, die sowohl an einer Universität als auch an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften lehren können. Promotionen sind ihm bis heute besonders wichtig: Er ist Sprecher in einem Promotionskolleg und betont, Forschungsbetrieb funktioniere aus seiner Sicht nur, wenn man Menschen auch zur Promotion führen könne.

Aus persönlichen Gründen kehrte die Familie dann wieder nach Baden-Württemberg zurück. Auf einer großen Messe für öffentlichen Verkehr in Karlsruhe ergaben sich Kontakte zur Hochschule Karlsruhe – dort wurde jemand gesucht, der die Brücke zwischen IT und öffentlichem Personennahverkehr schlagen kann. Thomas Schlegel übernahm eine Professur mit ÖPNV-Schwerpunkt, baute das Institut für ubiquitäre Mobilitätssysteme auf und entwickelte eine Informatikausbildung für Verkehrssystemmanagerinnen und -manager. Er lehrte Softwaretechnik mit klarer Vertiefung auf den öffentlichen Verkehr – wieder ein Umfeld, in dem er Strukturen, Teams und Studienangebote von Grund auf mitgestalten konnte.

Der nächste große Ortswechsel führte ihn schließlich in den Schwarzwald. „Eigentlich sind wir Klimaflüchtlinge“, sagt Schlegel lachend – und meint die Zeit in der heißen Rheinebene, aus der sich die Familie zurück in kühlere Höhen sehnte. Die Berge und der Schwarzwald hatten es ihnen angetan, heute lebt die Familie in Sankt Georgen. Schlegel kannte den Medieninformatik-Studiengang in Furtwangen; auch die wissenschaftliche Ausrichtung der HFU reizte ihn. In seiner Freizeit trainiert und lehrt er als Träger von gleich drei schwarzen Gurten Karate.

In Furtwangen genießt Thomas Schlegel vor allem die Unterstützung, die er beim Aufbau seiner Arbeitsumgebung erfahren hat. Die Hochschulleitung setzte sich dafür ein, dass er große Teile seines Karlsruher Labors mitbringen konnte. Heute stehen ihm zwei großzügige Etagen im Gebäude R zur Verfügung, in denen er ein Labor eingerichtet hat, das man so schnell kein zweites Mal findet: Ein halber Straßenbahnwaggon der Karlsruher Verkehrsbetriebe, ein Abteilsegment der Deutschen Bahn, ein ExploraVision-Tisch und eine halbrunde, zimmergroße, gebogene Wand aus Bildschirmen ermöglichen es, Mensch-Maschine-Interaktionen besonders realitätsnah zu untersuchen. „An anderen Stationen waren Räume oft ein Thema“, sagt er. „Jetzt habe ich endlich Platz zum Forschen.“ Inzwischen arbeitet ein Team von rund 15 Personen mit ihm in Furtwangen, dazu betreut er drei Promovierende vor Ort und zwei weitere Doktorandinnen in Dresden. Das eigene Promotionsrecht, das mit seiner Dresdner Uni-Professur einhergeht, bezeichnet er als „Orchideenfall“.

Als „Orchideenzüchter“ macht Thomas Schlegel Projekte möglich, die oft spektakulär sind und zugleich nah an der Praxis. Zum Beispiel ein virtuelles Eiszeitportal auf dem realen Naturerlebnispfad, in dem man ein Selfie mit einem Wollnashorn machen kann. Eine mobile App, die Jugendlichen altersgerechte Umweltbildung bietet. In seiner heutigen Heimatgemeinde Sankt Georgen setzt er mit einer studentischen Gruppe einen digitalen Tourismuspfad mit QR-Codes um und gestaltet einen ExploraVision-Tisch, an dem digitale Karten abgerufen und mit echten Gegenständen live in unterschiedliche Szenarien verwandelt werden können. Ein weiteres Projekt macht das Prinzip Stromnetz spielerisch erfahrbar und berührbar. Aktuell testet er im Labor, wie Paketroboter den öffentlichen Nahverkehr nutzen können. Und zusammen mit einer Forschungskollegin plant er, bald einen Postroboter über den Campus Furtwangen fahren zu lassen. „Mir ist wichtig, dass Versuchsplattformen nicht im Labor steckenbleiben“, sagt er. „Wir versuchen immer, sie in einen praktischen Nutzen zu überführen – in Kommunen, in Unternehmen oder direkt am Campus.“

In einem aktuellen Projekt widmet sich Thomas Schlegel dem Thema Leitstände: Wie werden Busse und Bahnen orchestriert, wie sieht ein adaptiver Leitstand der Zukunft aus, der mit Sprachsystemen, Künstlicher Intelligenz und ereignisgesteuerten Systemen arbeitet? Dabei geht es etwa darum, wie Systeme automatisch erkennen können, welche Art von Ereignis vorliegt und wie sich Informationsflüsse so steuern lassen, dass das richtige Team zur richtigen Zeit die passende Information erhält. Die Potenziale sieht er nicht nur im öffentlichen Verkehr, sondern auch in anderen Bereichen, etwa in der europäischen Luft- und Raumfahrt oder in Produktionsleitständen. Überall dort, wo hochkomplexe, intelligente Systeme in Leitständen überwacht und gesteuert werden, könnten seine Ansätze einen Unterschied machen. Bei aller Technik bleibt für Thomas Schlegel dabei der Mensch im Zentrum – als Fahrgast, als Disponentin im Leitstand, als Studierender oder als Doktorandin. Und wie bei seinen „Orchideenfällen“ in Forschung und Lehre scheint auch hier zu gelten: Wenn er sich um ein Thema kümmert, wächst daraus selten nur ein einzelnes Projekt, sondern fast immer ein ganzes Ökosystem.

Das Institut IIIUS und sein spannendes Labor lassen sich an der HFU am 9. Juli erleben. Gemeinsam mit der IHK lädt Prof. Dr. Schlegel Unternehmen ein, die Möglichkeiten des Labors zu erleben. Weitere Informationen und Anmeldung: https://iiius.de/lab2026/

 

Profs im Portrait:
In dieser Serie stellen wir die renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die an der Hochschule Furtwangen lehren und forschen. Die HFU ist eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften; deshalb verfügen Professorinnen und Professoren über langjährige Erfahrung aus der Praxis. Die spannenden Lebens- und Berufsgeschichten stellen wir in loser Reihenfolge vor.

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