Fünf Fragen an Prof. Dr. Norbert Schnell

Seit dem Wintersemester 2017/18 lehrt Prof. Dr. Norbert Schnell den Bereich Musikdesign an der Fakultät Digitale Medien

Zum Oktober 2017 tritt Dr. Norbert Schnell die Professur Musikdesign an und wird somit die Kernelemente des neuen Master-Studiengangs MusicDesign lehren. Gerade in der Forschung rund um Akustik und Musik bringt er einiges an Erfahrung mit. Wir haben nachgefragt ...

DM: Herr Schnell, Sie forschen seit bald 22 Jahren an der IRCAM, dem Forschungsinstitut für Akustik/Musik im Centre Pompidou in Paris. Wie kommen Sie von Paris ausgerechnet nach Furtwangen um eine Professur anzunehmen? Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Prof. Dr. Schnell: Ich mag Paris sehr und habe jeden Tag der 22 Jahre liebend gerne am IRCAM gearbeitet. So gerne, dass es sehr lange gedauert hat, davon loszukommen. Schon seit einigen Jahren möchte ich etwas Anderes ausprobieren, und insbesondere die Vorstellung, an einer Universität mit kreativen jungen Leuten zu arbeiten, zieht mich schon länger an. Es hat mich immer interessiert zu beobachten, wie Wissen und Kreativität sich entfalten, und ich möchte gerne mittendrin dabei sein, wo dies passiert. Die Idee, Musikdesign zu lehren hat es mir besonders angetan, weil es stets darum geht, ein Gleichgewicht zwischen Technik und Poesie, Verfahren und Wahrnehmung, zu finden. Die Reflexion über die Arbeitsmethoden und Konzepte sind ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit.

Auch wenn mir Furtwangen kein Begriff war, hatte ich als ich auf die Ausschreibung der Professur für den Studiengang MusicDesign gestoßen bin, sofort ein gutes Gefühl, das sich seitdem nur bestätigt hat. MusicDesign klingt gut. Es gibt in Furtwangen interessante Kollegen, die sich einen tollen Master-Studiengang ausgedacht haben. Ich freue mich jetzt sehr darauf, dabei zu helfen, ihn mit Leben zu füllen und international bekannt zu machen.

Hätte ich noch vor einem Jahr auf die Frage was ich nach dem IRCAM gerne machen würde geantwortet, ich würde gerne Musikdesign unterrichten, und zwar am liebsten mitten im Wald, hätte man mich für einen Träumer gehalten...

DM: Wie können sich Studierende eine Vorlesung bei Ihnen vorstellen?

Prof. Dr. Schnell: Ich unterrichte in einem Master in Design. Das heißt, die Studierenden sind junge Leute, die kommen um ihre Kreativität zu entfalten und sich die Kenntnisse zu erarbeiten um kreativ mit Technologien umzugehen. Da steht dann selten einer an der Tafel, es sei denn um den anderen eine neue Idee zu illustrieren.

Die meisten Kurse sind sehr praktisch angelegt und am Ende kommen immer Klang und Musik heraus. In den Seminaren bin ich da, um die Studierenden dabei zu unterstützen sich theoretische und technische Konzepte zu erarbeiten und damit zu experimentieren. Dabei werden wir auch durch den Wald laufen oder durch Fabriken. Die Gestaltung von Klängen und Musik hat seinen Ursprung stets im Hören und im Austausch über das Gehörte und das zu Hörende.

DM: Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben möchten?

Prof. Dr. Schnell: Die Möglichkeit, uneingeschränkt ihre Kreativität zu entfalten, insbesondere in der Zusammenarbeit mit anderen. Im Design geht es meist darum, die technischen Möglichkeiten genau zu kennen und damit etwas Poetisches zu schaffen, das sich zum Leben hin öffnet und die Menschen inspiriert.

DM: In welchen Bereichen haben Sie an der IRCAM konkret geforscht?

Prof. Dr. Schnell: Zunächst habe ich am IRCAM an Verfahren der Echtzeit-Audio-Signalverarbeitung gearbeitet. Das sind Algorithmen und Programme, die Klänge erzeugen oder verändern. Das hieß lange „Echtzeit“, weil man damals noch gerne dazu gesagt hat, dass nicht stundenlang gerechnet wird, um ein paar Sekunden Klang zu erzeugen, und dass man direkt mit der Klangerzeugung interagieren kann. Wir haben in dieser Zeit vor allem an Projekten mit Musikern gearbeitet, die digitale und digital erweiterte Musikinstrumente spielen sowie an Klanginstallationen, die automatisch immer neue Klangabläufe erzeugen. Dabei haben wir viel mit Sensoren und Datenanalysen experimentiert, die Klänge, Bewegungen oder auch Wetterdaten in die Steuerung musikalischer Klänge umsetzen. Das Publikum war hier natürlich zunächst meist nur stiller Zuhörer.

Nach und nach bin ich darauf gekommen, dass digitale Technologien vor allem dann ihre Poesie entfalten, wenn man selbst mit ihnen interagiert, anstatt jemandem dabei zuzuschauen. So haben wir uns immer mehr mit Situationen beschäftigt, in denen auch das Publikum an der Erzeugung und Veränderung von Klängen teilhat. Die Sensoren steckten dabei in den Ärmeln, in Bällen oder auch in alten Spielautomaten. Die Anwendungen, mit denen wir in den letzten Jahren experimentiert haben, kann man beliebig als neue Arten des Musik Spielens oder neue Arten des Musik Hörens verstehen. In dem letzten Forschungsprojekt, das ich koordiniert habe, ging es dazu viel um mobile Technologien und Web-Standards und wie man damit gemeinsam Musik machen kann – verbinden und los –, mit ein paar Leuten oder mit einem ganzen Konzertsaal.

DM: Wie kann man sich Ihre Arbeit im Centre Pompidou vorstellen?

Prof. Dr. Schnell: Der wesentliche Teil des IRCAM ist unter dem bunten Stravinsky Springbrunnen von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle neben dem Centre Pompidou in der Mitte von Paris. Das Wunderbare an diesem Ort ist, dass es gleichzeitig ein Forschungszentrum für Musiktechnologie und ein Studio ist, in dem zeitgenössische Musik produziert wird. Damit ist es natürlich ein Ort, an dem ständig Forscher, Ingenieure und Musiker irgendetwas neues ausprobieren. Ob miteinander oder einer neben dem anderen, in jedem Fall passiert alles auf dem gleichen Flur, um die gleiche Kaffeemaschine herum, wo jeder mit jedem diskutiert und alle genau verfolgen, womit der andere gerade experimentiert.

Ansonsten ist das IRCAM auch ein Ort wie viele andere, wo alle ständig hinter einem Computer sitzen ... nur dass hier eben immer schräge Klänge herauskommen.

Wir wünschen Prof. Dr. Schnell einen guten Start in Furtwangen!