Für eine andere Mobilität im ländlichen Raum

Wie können wir gewährleisten, dass ländliche Regionen gut erreichbar bleiben? Diese Frage stand im Mittelpunkt des „Mobilitätskongresses“ an der Hochschule Furtwangen (HFU). Hauptredner war Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg.

Das Forschungsprojekt „Modellprojekt zur Entwicklung nachhaltiger Mobilitätslösungen für Studierende und Beschäftigte von Hochschulen im Ländlichen Raum“ unter Leitung von Professor Dr. Jochen Baier und Professor Dr. Anton Karle hatte als Halbzeitbilanz zum Kongress eingeladen. Seit 18 Monaten wird an dem Projekt gearbeitet, weitere 18 Monate stehen noch an. Die Organisation des Kongresses hatten Studentinnen des Studiengangs Wirtschaftsnetze (eBusiness) übernommen.

Die Mobilität steht vor einem großen Umburch. „Die heutigen Studierenden werden in naher Zukunft Autos mit Verbrennungsmotoren nur noch als Oldtimer fahren“, brachte Michael Ruprecht von e-mobil BW, der Landesagentur für Elektromobilität, den Wandel auf den Punkt. Die Energiewende habe bei Strom und Wärme bereits stattgefunden, beim Verkehr stehe sie noch an. Das Erfolgsmodell Pedelec sei hier ein Vorbote. Da das privat genutzte Fahrzeug eher ein „Stehzeug“ sei, das pro Tag lediglich eine Stunde in Bewegung ist, sind neue Modelle der gemeinsamen Nutzung von Autos notwendig.

„Es gibt keinen besseren Ort im Land als unsere Hochschule, um das Thema Mobilität im ländlichen Raum zu bearbeiten“, unterstrich HFU-Rektor Prof. Dr. Rolf Schofer. Die HFU hat Standorte in Furtwangen, Schwenningen und Tuttlingen plus Außenstellen in Rottweil und Freiburg. Dies bringt viele Fahrten zwischen den Standorten mit sich. Professor Baier zeigte auf, dass dieses Projekt nicht nur die Hochshule Furtwangen, sondern auch die Duale Hochschule Villingen-Schwenningen und die Musikhochschule Trossingen als Partnerhochschulen, und somit mehr als 11.000 Studierende plus die zugehörigen Mitarbeitenden und Professoren betrifft.

Minister Peter Hauk sprach zum Thema „Erreichbarkeitssicherung“. Wie soll diese wichtige Zukunftsaufgabe für den ländlichen Raum geschultert werden? „Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen die Rahmenbedingungen zu bieten, die sie für ein erfolgreiches Studium auf dem Land brauchen“, unterstrich Hauk. „Die Bedeutung der Hochschulen für den ländlichen Raum wird noch wachsen.“ Daher fördere sein Ministerium dieses Modellprojekt, das in Deutschland einmalig ist.

In Workshops erarbeiteten die über 70 Teilnehmenden des Kongresses Ideen zu den Themen ÖPNV, Elektrofahrzeuge, Parkplatzmanagement und Mitfahrgelegenheiten. Wie kann für die vorhandenen Angebote besser geworben werden – so dass die Informationen insbesondere bei den Studierenden auch ankommen? Welche Hemmnisse gibt es bei der Nutzung von Bussen, um an die Hochschule zu gelangen? Wie können Mitfahrgelegenheiten besser online vereinbart werden? Klar wurde: Bequemlichkeit und Flexibilität „erkauft“ man sich durch die höheren Betriebskosten des eigenen Autos im Vergleich zum ÖPNV. Die Studierenden beklagen den Mangel an Parkplätzen in Hochschulnähe. „Allerdings ist der Wille, auf eine andere Lösung als das eigene Auto umzusteigen, gering“, fasste Prof. Dr. Anton Karle zusammen. Und Prof. Dr. Jochen Baier gab zu bedenken: „Wenn die Busfahrzeiten nicht zum Vorlesungsbeginn passen, werden die wesentlich höheren Kosten für ein Auto – im Vergleich zu 155 Euro für ein Semesterticket für den ÖPNV – weiterhin akzeptiert werden.“

Mathias Merz, Verkersunternehmer und Beiratsvorsitzender des Verkehrsverbundes Schwarzwald Baar schilderte die Besonderheiten des ÖPNV im ländlichen Raum. In diesem Verkehrsverbund sind 15 Bus- und Bahnunternehmen zusammengeschlossen. Derzeit wird die Netzplanung überarbeitet, um kundenfreundlichere Fahrzeiten zu erreichen. Mit den Hochschulen ist der Verkehrsverbund im Gespräch, um besser zum Vorlesungsplan passende Busfahrpläne zu erstellen. Große Änderungen wird die Anbindung der Breisgau-S-Bahn bis nach Villingen ab dem Jahr 2019 mit sich bringen.

Erste positive Effekte des Projektes an der Hochschule sind bereits nachweisbar. Durch die E-Autos, die für Dienstfahrten genutzt werden können, sind schon jetzt mehrere Tonnen CO 2-Ausstoß eingespart worden. „Wir sind voll motiviert, weitere Felder zu beackern“, fasste Prof. Dr. Anton Karle zusammen.

Hintergrund
Studierende an ländlichen Hochschulen ohne eigenes Auto müssen in puncto Mobilität oft starke Abstriche hinnehmen, da in der Regel kein befriedigendes ÖPNV-Angebot vorhanden ist und Carsharing in ländlichen Regionen bislang nur punktuell zur Verfügung steht. Hier setzt das Projekt der Hochschule Furtwangen an. Es sieht die Entwicklung effizienter, kostengünstiger und nachhaltiger Mobilitätslösungen für Studierende und Dozenten ländlicher Hochschulen vor.

Das Modellprojekt mit einer Laufzeit von drei Jahren bis Ende 2018 wird von Prof. Dr. Anton Karle (Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen) und Prof. Dr. Jochen Baier (Fakultät Wirtschaftsinformatik) geleitet und koordiniert. Die Kosten von insgesamt 300.000 € werden vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg getragen.

Projektziele

  • Verbesserung des ÖPNV: Abstimmung der Fahrpläne auf die Vorlesungszeiten
  • Elektromobile Dienstverkehre: Postverkehr und Pendelverkehr zwischen den Standorten für Vorlesungen und Besprechungen
  • E-Carsharing: e-mobile Ergänzung des ÖPNV für Studierende und Mitarbeiter
  • Erhöhung des Anteils an Fahrgemeinschaften: Unterstützung durch den Einsatz einer Applikation für PC und Smartphone
  • Intermodalität: Integration von ÖPNV, Carsharing und Fahrgemeinschaften in einer Applikation für PC und Smartphone
  • Einsatz von Elektrofahrrädern.


Bislang durchgeführte Maßnahmen

  • Thema ÖPNV: Aufbau enger Kontakte zu Verkehrsverbünden und Einbringung der Anliegen des Projekts in die zuständigen Gremien
  • Thema Förderung von Fahrgemeinschaften: Aufbau einer eigenen Hochschulgruppe bei flinc (professionelle Plattform für Mitfahrgelegenheiten)
  • Thema Dienstfahrten: Um die Tauglichkeit und die Akzeptanz von nachhaltiger Mobilität für Dienstfahrten zu untersuchen: Leasing von zwei Daimler Elektro-B-Klassen. Über eine HFU-Plattform werden die Fahrzeuge den Bediensteten für Dienstfahrten angeboten
  • Thema e-mobile Ergänzung studentischer Fahrten: Unter dem Motto: e-car-sharing – mobil auch ohne eigenes Auto werden an den Hochschul-Standorten Furtwangen und Schwenningen zwei Renault Elektro-Zoe vom e-Carsharing-Anbieter my-e-car für Studierende und Mitarbeiter zu Sonderkonditionen zur Verfügung gestellt.
  • Thema Nachhaltiger Hochschul-Transportverkehr: Untersuchung der Praxistauglichkeit eines Elektro-Nissan eNV für den Hochschul-Güternahverkehr einschließlich Postverkehr am Hochschul-Standort Schwenningen.
  • Thema e-bike-basierter Transport: Test eines e-bikes für den Gütertransport auf kürzeren Wegen am Hochschul-Standort Tuttlingen