„Auditive Stolpersteine“ in der Kunsthalle Mannheim

Musikdesign-Studierende folgen Fritz Schweglers Prinzip des „Verrückungspotenzials“

Die Musikdesign Studierenden MyungDuk Kim, Tab Bellmann, Vincent Egerter, Raimund Seitz, Mathias Vatter und Ole Wiedekamm entwickelten die Auditiven Stolpersteine in der Kunsthalle Mannheim anlässlich der Ausstellung "Fritz Schwegler".

Durch künstlich erzeugte Geräusche ...

... wird die akustische Perspektive des Museumsbesuchers verschoben.

Knarzende Holzstiegen zu hören, während man eine Marmortreppe hinaufsteigt – das wirkt im ersten Moment verstörend. Und genau das soll es auch, ist es doch eine von insgesamt zehn akustischen Interventionen in der Kunsthalle Mannheim anlässlich der Ausstellung „Fritz Schwegler“. Ersonnen wurden diese „Auditiven Stolpersteine“ von sechs Studierenden des Studiengangs Musikdesign an der Musikhochschule Trossingen in Kooperation mit der Hochschule Furtwangen. Tab Bellmann, Vincent Egerter, MyungDuk Kim, Raimund Seitz, Mathias Vatter und Ole Wiedekamm experimentierten hierzu mit dem Museum als akustischen Raum für neue Hör- und Sichtweisen. Betreut wurde das Projekt von Sebastian Bartmann und Prof. Florian Käppler.

Im Mittelpunkt der studentischen Arbeiten steht der Anspruch, Schweglers Konzepte und Verfahrensweisen auf einer räumlichen Klangebene weiterzudenken. Darüber hinaus haben sich die Studierenden mit dem Selbstverständnis Schweglers als Künstler, Mensch und Lehrer auseinandergesetzt. Die vom Alltag ausgehende Phantasie Schweglers war für die Studenten ein Aufhänger, um akustische Perspektiven zu verschieben. Ihr Ziel ist das subtile Aufzeigen der Vielschichtigkeit als Neben- und Miteinander von visuellen, akustischen und räumlichen Erscheinungen im Museum und im Wahrnehmungshorizont des Besuchers.

Die akustischen Arbeiten begleiten die Besucher während des gesamten Museumsaufenthalts. Sie reichen von Soundscapes zu den Skulpturen von Schwegler im Eingangsbereich über Irritationen durch gezielt eingesetzte Soundeffekte bis hin zu verstörenden Eingriffen in alltägliche, aber unbewusste Klänge, wie z.B. von Lüftungsanlagen. Die auditiven Stolpersteine sind durch Dezentralität und subtile Implantation charakterisiert, die sich der Besucher selbst erschließt. Sie drängen sich nicht auf, sondern dienen als Fingerzeig in die Klangwelt Schweglers. Die Museumsbesucher werden eingeladen, ihre Umwelt neu zu erfahren und ihre Hörgewohnheiten zu hinterfragen.

 

„Auditive Stolpersteine“ (Auswahl):

Windfang

Angelehnt an die Skulptur „Olympische Kunstläuferin“ von Fritz Schwegler, welche die Ausstellung eröffnet, nimmt der auditive Stolperstein den Besucher an die Hand und geleitet ihn durch sein überspitztes Auftreten in eine akustische Umgebung, die ihn gleichzeitig in eine Scheinwelt führt – in eine akustische Scheinwelt.

Garderobe

Geräusche im Spind? In dieser Klanginstallation sollte dem statischen, unbelebten Gegenstand eine lebendige „Note“ verliehen werden. Irritierende Geräusche laden den Besucher zum Suchen und Schmunzeln ein. Für die Produktion der Sounds wurde der Spind im wahrsten Sinne „abgeklopft“.

Treppenaufgang

Als Teil des Konzepts der auditiven Stolpersteine beeinflussen hölzerne Klänge die Raumwahrnehmung im steinernen Treppenaufgang der Kunsthalle und führen den Besucher dadurch in eine akustische Scheinwirklichkeit.

Lüftungsschacht I

Das elektronisch klingende Maschinengeräusch steigert sich während seinem zeitlichen Verlauf in eine surreale Intensität, dass beim Besucher ein wiederholtes Hinhören und Verwundern hervorrufen kann.

Lüftungsschacht II

Organische Klänge, die bei ungenauem Hinhören wie Heizungsgeräusche wirken könnten, lösen durch ihre Tonalität und Rhythmik beim Besucher Irritation über ihre Herkunft und Funktion aus.

Lüftungsschacht III

Zwei herkömmliche, zugleich aber intensive Lüftungsklänge versetzen sich gegenseitig in einen Zustand der Schwingung, der sich konstant in der Lautstärke verändert. Durch diese sogenannte Modulation entsteht eine Surrealität in einem eigentlich banalen Klang, der so nicht in einem Museum zu erwarten wäre.

Lüftungsschacht IV+ V

Grundidee dieser Stücke ist es, ein annähernd natürliches Lüftungsgeräusch zu schaffen, das erst bei näherem Hinhören, als zu geplant, zu musikalisch auffällt und aus dem gewohnten Rahmen fällt. Die Stücke bestehen aus atmosphärischen Flächen sowie Rauschen, unter denen sich musikalische Intervalle entwickeln.