Tagung zu Logistik-Herausforderungen

v.l.n.r.: Frank Felten, Winfried Hermann, Gerhard Mutter, Karlhubert Dischinger, Prof. Dr. Jochen Baier

Winfried Hermann. Foto: Tina Hauger

Karlhubert Dischinger

Frank Felten. Foto: Tina Hauger

Podiumsdiskussion

An der Hochschule Furtwangen fand unter dem Titel „Logistische Herausforderungen in Baden-Württemberg“ am 14. Januar 2016 eine Vortrags-Veranstaltung statt. Verkehrsminister Winfried Hermann war der Hauptredner.

„Das Thema Logistik betrifft die Hochschule Furtwangen im Inneren als Hochschule mit drei Standorten“, sagte HFU-Rektor Prof. Dr. Rolf Schofer. „Die Probleme der Mobilität im ländlichen Raum treffen uns ganz direkt.“ Prof. Dr. Jochen Baier von der Fakultät Wirtschaftsinformatik hatte mit über 30 Studierenden des 4. Semesters des Studiengangs Wirtschaftsnetze (eBusiness) die Veranstaltung organisiert. „Ein Logistiker ist vor allem ein Organisationstalent“, sagte er mit Blick auf die Studentinnen. Zentrales Thema des Abends war der ländliche Raum als Herausforderung. 60% der Fläche in Baden-Württemberg gilt als ländlicher Raum und 25% der Bevölkerung lebt dort. Die Logistik muss sich darauf einstellen. Welche Schwierigkeiten hier zu überwinden sind, zeigte der Abend eindrücklich.

Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg, unterstrich: „Als Auto- und Exportland sind wir extrem viel unterwegs. Daraus resultieren Belastungen aber auch Chancen.“ Er berichtete über die Versäumnisse des Ausbaus insbesondere von Schienensträngen, den Schwierigkeiten bei der Suche nach Standorten für Logistik-Verteilzentren und der Vision eines modularen Lieferverkehrs, der vermehrt auf Binnenschifffahrt und Schiene setzen solle und erst auf den letzten Kilometern, bei der Zulieferung im Nahbereich, auf den LKW. „Wir müssen raus aus der Verbrennung, hin zum klimaneutralen Antrieb“, forderte er. Für den Individualverkehr forderte er ein grundlegendes Umdenken. „Wir haben eine Überkapazität. Mit den vorhandenen PKWs könnten wir die Bevölkerung zwei Mal transportieren.“ Die mangelnde Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs könnte auch mit Hilfe digitaler Technik überwunden werden: Wenn die unterschiedlichen Transportmittel bei Verspätungen aufeinander warten würden, wäre den Passagieren geholfen. „Wir stehen am Tor zur Mobilität 4.0. Die Digitalisierung wird den öffentlichen Verkehr radikal verändern, aber wir werden nicht schon in fünf Jahren autonom fahrende Autos haben. Die menschlichen Gewohnheiten sind träge“, betonte Hermann.

Karlhubert Dischinger, Präsident des Verbandes Spedition und Logistik Baden-Württemberg und Inhaber eines Fuhrunternehmens mit 850 Mitarbeitenden und 100 Auszubildenden, sprach über Green Logistics. Nach vielen Versuchen mit Spoilern auf den Fahrzeugen, anderen Ölen, verschiedenen Reifen und weiteren Mitteln zur Einsparung von Kraftstoff bei LKWs sei die Erkenntnis klar: das Entscheidene bleibe der Fuß des Fahrers. Entsprechende Schulungen sind nötig. Zudem müsse man im Lager effizient sein und auch hier auf die Wegstrecken achten. Bei Baustellen auf Autobahnen mahnte er eine Umstellung der Bauzeiten an. Aus Tages- sollten Nachtbaustellen werden, auf Dauerbaustellen in zwei statt nur in einer Schicht gearbeitet werden.

Gerhard Mutter, Chairman des Corporate Solution Center Logistics Automation der Sick AG, Waldkirch, freute sich an seine ehemalige Hochschule zurückzukommen. Genau in dieser Aula habe er vor über 30 Jahren sein Ingenieurzeugnis erhalten. Die sogenannte vierte industrielle Revolution der „Industrie 4.0“ verspreche höchste Effizienz und zugleich Ressourcenschonung, erläuterte Mutter. Die Automatisierung von Transport und Lager sei erst teilweise gelöst. Für die Selbststeuerung von Prozessen seien Konzepte vorhanden. „In der Supply Chain ist vieles noch nicht automatisiert“, zeigte er auf. Es bestehe ein hohes Automatisierungspotential. Das Thema Industrie 4.0 biete für viele Menschen und auch für zahlreiche Studierende eine große Chance.

Frank Felten, Vice President Product Development der PTV GROUP nahm Transport aus der, wie er sagte, Vogelperspektive in den Blick. „Wo kann man besser werden in der Transportkette“, fragte er und zeigte auf, wie ein Flughafen-ähnliches System an der Entladerampe einen zeitlichen Gewinn für alle Beteiligten bringen würde. Wenn sich ein LKW automatisiert und kontinuierlich mit der prognostizierten Ankunftszeit beim Entladebetrieb meldet, kann dort flexibel reagiert werden und Wartezeiten minimiert werden. „Wir haben Zugriff auf Daten, wie man es sich noch vor zwei oder drei Jahren gar nicht vorstellen konnte“, beschrieb Felten die rasante Entwicklung.

In der abschließenden Podiumsdiskussion ging es um die Probleme einer auf die Straße verlegten Produktion bei der just-in-time-Lieferkette, um das Phänomen der die meiste Zeit stehenden und nicht genutzten Autos und den nötigen Umstieg auf Carsharing und einen besser getakteten öffentlichen Nahverkehr. „Die Vernetzung der öffentlichen Angebote ist derzeit so schlecht, dass man mit dem Auto trotz Stau schneller ist“, brachte Verkehrsminister Hermann die Problematik auf den Punkt.