Neue technologische Hilfen für Blinde

BMBF-Forschungsprojekt iView stellt sich vor

Ein blinder Besucher testet das neue Navigationshilfesystem auf der Messe.

Projektmitarbeiter stellen das Forschungsprojekt iView vor (von links): Rui Zhu (HFU), Andreas Wachaja, Pratik Agarwal (beide AIS, Uni Freiburg), Miguel Reyes-Adame (HFU).

Wie kann man blinden oder sehbehinderten Menschen helfen, sich in einer unbekannten Umgebung zurechtzufinden? Dies ist eine Frage mit der sich aktuell Forscher an der Hochschule Furtwangen beschäftigen.

In dem vom Bundministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Intelligente, vibrotaktil induzierte Wahrnehmung“, kurz: iView, entwickeln Forscher ein taktiles Informationssystem, das den Berührungssinn anspricht und dem Träger des Systems über Vibrationssignale Umgebungsinformationen übermittelt. Die Informationsübertragung über einen Berührungsreiz wie die Vibration eignet sich besonders für Blinde und Sehbehinderte, da bei den Betroffenen der Berührungs- bzw. Tastsinn bestens geschult ist und keine akustischen Signale, die z.B. bei einer Sprachsteuerung Verwendung fänden, das Gehör als wichtige Informationsquelle bei der Navigation überlagern.

Wie soll das neue, an der HFU entwickelte, taktile Informationssystem funktionieren? Zunächst tastet ein 3D-Laserscanner in Echtzeit die Umgebung ab und erfasst dabei mögliche Hindernisse in verschiedenen Abständen um den Träger herum. Diese 3D-Daten bilden die Grundlage für eine Erkennung potentieller Gefahren und entsprechender Priorisierung von Informationen, die über errechnete Vibrationssignale an den Träger des Systems übermittelt werden. Die Vibrationsstärke, die Vibrationszeit der Signale und die Positionierung dieser Vibrationssignalgeber am Körper ermöglichen die Übertragung unterschiedlicher Informationen über Richtung und Abstand zum Hindernis. Letztendlich vermitteln kleine Vibrationsmotoren, die an einem Gürtel befestigt sind und  über Funksignale angesteuert werden, die Information auf den Träger.

„Die ersten Tests waren bereits erfolgsversprechend“, sagt Prof. Dr. Knut Möller, Projektleiter des Forschungsvorhabens. „Natürlich muss sich der Träger des Systems erst an die neue Technik gewöhnen und die Signale richtig zu interpretieren lernen. Aber nach einer kurzen Lernphase erzielten alle Versuchspersonen bereits sehr viel bessere Ergebnisse.“

Parallel dazu beschäftigt sich ein weiteres Forscherteam mit der Entwicklung eines taktilen Informationsgebers in Miniaturform. Sind die Vibrationsmotoren am Gürtel noch deutlich sichtbar, wird das mikrosystemtechnisch hergestellte, miniaturisierte System nur wenige Millimeter groß sein und kann so dezent am Körper getragen bzw. einfach in das direkte Lebensumfeld integriert werden. Bei der Entwicklung werden verschiedene Verfahren der Oberflächenmikromechanik und der Fluidik kombiniert. „Im Vergleich zum Gürtel wird das Miniatur-System einen sehr viel geringeren Energieverbrauch haben. Gerade bei mobilen Anwendungen ist dies ein entscheidender Vorteil“, meint Prof. Dr. Ulrich Mescheder, Leiter des Technologielabors für Mikro- und Nanosysteme, in dem die Arbeiten durchgeführt werden.

Weitere Forschungsarbeiten zielen zudem auf die Entwicklung eines tastbaren Displays, welches zusätzliche Informationen für den Blinden in Form einer adaptiven Umgebungskarte enthält, die aktiv durch Abtasten erfasst werden können.

Aktuell wurde das Projekt in Frankfurt auf der deutschlandweit größten Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel einem breiten Publikum vorgestellt. „Mit unserem System möchten wir den Blindenstock nicht ersetzen. Vielmehr ist der taktile Informationsgeber als ergänzendes Hilfsmittel gedacht, das Kollisionen mit Hindernissen verhindern soll, indem frühzeitig entsprechende Informationen vermittelt werden sollen“, sind sich beide Professoren einig.


Ansprechpartner an der HFU
Prof. Dr. Knut Möller
moe(at)hs-furtwangen.de

Prof. Dr. Ulrich Mescheder
mes(at)hs-furtwangen.de